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Buch: Der gefesselte Mensch

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" Und das ist auch gut so " (Wowereit)

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Wie füllt man ein Sommerloch, fragte sich Erasmus, denn seine Freunde rieten ihm, über den Ärzte-jammer - seiner Bedeutung wegen - erst im Herbst zu schreiben, wenn die Reisezeit vorbei ist. Er hätte tatsächlich Mitte Juli lange überlegen müssen, wenn ihm nicht die große Politik in Berlin zu einer Plauderei verholfen hätte. Doch beginnen wir von vorn. Unsere Genossen von der SPD hatten bekanntlich einen Mann namens Wowereit auf ihren Schild gehievt und ihn später zum Berliner Bürgermeister gemacht. Nichts Außergewöhnliches, meinen Sie, obwohl das " Wie " mehr als fragwürdig war. Außergewöhnlich war, so meint Erasmus, daß besagter Wowereit unter dem Beifall seiner Genossen eine Eröffnung machte, die er mit den Worten " und das ist auch gut so“ abschloß.

Erasmus kann sich über die jetzige und zukünftige Amtsführung von W. kein Urteil erlauben, meint aber, daß dessen Mitteilung und sein dazugehöriger Kommentar von kulturgeschichtlicher Bedeutung und deshalb einer Betrachtung wert sind. Vielleicht wird " und das ist auch gut so " eines Tages als geflügeltes Wort im Büchmann erscheinen und der Name Wowereit damit überzeitliche Bedeutung gewinnen. Nun, wer es noch nicht wußte, dem sei also mitgeteilt, daß W. mit seiner Information die von ihm ausgeübten, sexuellen Praktiken meinte. Gewiß, welche Körpergegenden von diesem oder jenem dabei bevorzugt werden, ist Geschmackssache und damit Privatsache, daß aber ein kommender Berliner Bürgermeister sie zum Gegenstand einer bejubelten politischen Deklaration erhebt, ist allerdings ungewöhnlich. Man stelle sich vor, Ernst Reuter oder ein anderer seiner Vorgänger hätte mit derartigen Bekenntnissen die Öffentlichkeit unterrichtet. Von Wowereit wußte Erasmus bis dato nur, daß dessen Vorfahren männlicherseits wahrscheinlich aus Ostpreußen stammen, jetzt weiß er, daß es keine Nachfahren geben wird, und das ist auch gut so. Auch dürfte es mit einer first lady schwierig werden.

Ja, Tempora mutantur. Früher war so eine Sache allenfalls eine Zote wert, und Erasmus erinnert sich an eine solche, die in Medizinerkreisen unter dem Namen " das goldene Alphabet " gehandelt wurde. Jeder Buchstabe hatte darin in Versform eine Zote bereit, und was Wowereits Neigungen angeht, so begann diese mit dem Wort " Adler ". Überlassen wir den Weitergang des Verses dem deutschen Theater, auf dem die Gossen- und Kloakensprache ja heute gepflegt wird. Was nun das Wetter des Sommerlochs angeht, so sind schwüle Tage darin selten. Und das ist auch gut so, denn Kreislaufkranke leiden darunter. Erasmus dagegen schätzt die angenehmen warmen Sommerabende, an denen er auf seiner Terrasse sitzend bei einem kühlen Glas grünen Veltliners mit seinen Freunden über den epochalen Wandel der Sitten plaudern kann. Daß dabei auch der Name Spengler fällt, nur nebenbei. Er hält sich im Gegensatz zu W. für konservativ, das heißt altmodisch, erwartet auch keinen Beifall deswegen, und das ist auch gut so.