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Buch: Der gefesselte Mensch

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Auf die Einstellung kommt es an!

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Man braucht nicht Philosophie studiert zu haben und man braucht auch nicht unbedingt ein religiöser Mensch zu sein, meint Erasmus, um ein Weltbild, eine Weltanschauung oder einfach Lebensweisheit zu besitzen. Man sollte nur offen sein und die vielen Möglichkeiten und Weisheiten sehen, die der Alltag so an uns heranträgt. Immer wenn Erasmus sich mit jungen Menschen unterhält, erzählt er ihnen zwei Begebenheiten, die sich vor Jahren in seiner Praxis ereigneten und die er nie vergessen wird. Er tut dies, um gerade die jungen Menschen etwas nachdenklich zu stimmen, sie, die so ganz davon überzeugt sind, daß man die Welt nur auf ihre Art sehen kann. „Es war in der Zeit“, so fängt Erasmus an zu plaudern, „als ich mich noch nicht lange in eigener Praxis niedergelassen hatte und eines Tages eine Patientin mit der Beschwerde der Einschlafstörung zu mir kam. So hat sie das allerdings nicht gesagt“, ergänzte er schnell, sie tat das, was die meisten Patienten, die damals zu ihm kamen, taten: Sie bat ihn, ihr doch Schlaftabletten zu verschreiben. „Ich gab mich damit nicht zufrieden“, so fährt er fort, und es stellte sich dann heraus, daß der Ehemann die Patientin durch sein in der letzten Zeit zunehmenden Schnarchens beim Einschlafen störte. Dagegen kann man sicher auch noch etwas anderes tun, als Tabletten zu schlucken, und so wurde die Frau mit einigen Ratschlägen, wie man dem Übel abhelfen könne, und der Empfehlung entlassen, doch diese erst zu versuchen und nur wenn alles nichts gefruchtet habe, ein leichtes Einschlafmittel zu nehmen.

„Es mochte vielleicht ein halbes Jahr vergangen sein“, so erzählt Erasmus weiter, als ihn eine andere Frau bat, ihr doch ein paar Schlaftabletten zu verschreiben. Was meinen Sie wohl, warum? Aber lassen wir die Frau erzählen, die etwas verschämt berichtete: „Seitdem sich mein Mann auf ihren Rat hin, Herr Doktor, die Mandeln hat herausnehmen lassen, schnarcht er nicht mehr. Ich hatte mich so daran gewöhnt, das war mir das liebste Geräusch“, es fiele ihr schwer, jetzt ohne das einzuschlafen. Auch wenn sie manchmal des Nachts erwacht sei, hatte sie das gleichmäßige ruhige Schnarchen ihres Mannes schnell wieder einschlafen lassen. Sie meinte noch, daß sie sich bald an die neuen Verhältnisse gewöhnen werde, und bat, ihr das Medikament nur als vorübergehende Hilfestellung zu verschreiben.

Ja, so ist das nun im Leben. Es kommt eben immer auf die Einstellung an, die man zu einem Menschen, zu einer Sache oder zur Welt hat. Natürlich, werden Sie sagen , „wat dem Enen sin Uhl, is dem Annern sin Nachtigal“! Richtig, aber man sollte öfter daran denken. Man sollte Weltgefühl nicht mit Welt verwechseln und das zum Beispiel den Herren Revolutionären immer wieder erklären. Aber gibt es keine objektiven Maßstäbe? Nein, sagt da Erasmus in aller wissenschaftlichen Bescheidenheit. Es gibt Feststellungen, Konventionen, aber alle Wertungen können nicht anders als subjektiv und relativ sein. In seiner geistvollen „Kulturgeschichte der Neuzeit“, die man öfter lesen sollte, beschreibt das Egon Friedell einmal sehr treffend so: „Wer zum Hoffen und Glücklichsein geboren ist, der ist glücklich und hofft noch, selbst wenn er schon vor’m Höllentor steht“, und ein Denker wie Wittgenstein formulierte einmal: „Die Welt des Glücklichen ist eine andere Welt, als die des Unglücklichen“. Denken wir also auch gelegentlich einmal daran, besonders wenn wir anfangen, uns oder die Verhältnisse zu ernst zu nehmen. Das Leben ist einfach nur vielseitig, die Welt kann schön oder häßlich sein – es kommt nur auf unsere Einstellung an, sagt Erasmus noch einmal.