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Buch: Der gefesselte Mensch

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„Vom Durchschnitt zum Individuum , über Leitlinien"

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Anmerkungen zu: G.S. Kienle: „Evidenzbasierte Medizin und ärztliche Therapiefreiheit, DÄB 5/25

Der Verfasserin ist im wesentlichen zuzustimmen. Beachtlich ist, wie offen sie die Fragwürdigkeit des derzeitigen Wissenschaftsbetriebes beurteilt. In der Tat ist das allgemeine wissenschaftliche Niveau in der Medizin heute nicht sehr hoch. Aus den vielen von ihr erwähnten Gründen, sei hier nur ein Motiv hervorgehoben: Der „Datendschungel.“ Eigentlich kann man vom größten Teil des heute in den zahlreichen Zeitschriften Publizierten nur sagen, daß es Makulatur ist. Hierfür gibt es verschiedene Gründe. In erster Linie dürfte dafür das Karrierebedürfnis verantwortlich sein, denn wer in der akademischen Laufbahn heute etwas werden will, für den gilt nach wie vor die Devise: „Veröffentliche!“ (Publish or Perish). Nach der Qualität des Geschriebenen wird nicht gefragt, weil in den Redaktionen meistens die theoretischen Voraussetzungen dazu fehlen und eine Zeitschrift ihre Zeilen füllen muß. Daran kann auch eine gut gemeinte „evidenzbasierte Medizin“ wenig ändern. Die Evidenz,das aus dem Englischen übernommene Wort (evidence-based medicine), soll den Informationswert, die Gewißheit der Richtigkeit einer Aussage zeigen. Daß eine medizinwissenschaftliche Abhandlung überhaupt daraufhin überprüft werden muß, ist an sich ein Skandal. An der mangelnden Evidenz ist auch oft die Ausdrucksweise der Schreiber schuld, die ihre Kompetenz mit dem Gebrauch vieler meistens englischer Worte zeigen wollen. Jedenfalls ist die Ermittlung der Evidenz, die nach dem Willen ihrer Initiatoren noch in verschiedene Grade eingeteilt wird, mit so vielen Unwägbarkeiten belastet, daß die daraus ermittelten Leitlinien für Therapie und Diagnostik nur als Ergänzung ärztlichen Wissens in die Entscheidungsfindung eines Arztes eingehen können.

Es ist ein Verdienst der Autorin darauf hingewiesen zu haben.