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Infektionsmedizin

Die fachgerechte individualmedizinische Versorgung von Patienten mit komplexen Infektionskrankheiten kann nur durch klinisch ausgebildete Infektiologen gewährleistet werden (DÄ 19/2017: "Klinische Expertise fördern" von Peter Walger et al.).

Deutsches Ärzteblatt Jg. 114, Heft 27-28, 10. Juli 2017

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Ein weites Feld zur prä-antibiotischen Ära

Angesichts der Zuspitzung der Multiresistenzprobleme und des Verlustes geeigneter Therapieoptionen mangels neuer Antibiotika, empfehlen die Autoren, das vorhandene Fachwissen besser zu kanalisieren, denn die vorhandene sehr beliebte Kurzausbildung zum ABS-Experten reicht ihrer Meinung dazu nicht aus. Gefordert ist der Infektiologe mit entsprechender Weiterbildung als Repräsentant der lnfektionologie gegebenenfalls. mit Facharztstatus, denn eine qualitativ hochwertige Versorgung von Infektionspatienten erfordert den Ausbau der Infektionsmedizin sowohl in der Breite als auch in der Tiefe.

Darin ist den Autoren zuzustimmen. Anzumerken ist allerdings, dass das hier angebotene infektionologische Wissen im Wesentlichen erst nach Einführung der Antibiotika gesammelt wurde. Antibiotika aber wurden 1946 in Deutschland eingeführt. Durch die Einfachheit ihrer Applikation und die Zuverlässigkeit ihrer Wirkung konnten sie bald danach ihren Siegeszug antreten, der sie fast zum Allheilmittel in der Therapie der Infektionskrankheiten machte. Als Folge maßlosen Mißbrauchs jetzt wirkungslos, ist die Medizin oft hilflos, sodass die von den Autoren vorgeschlagene optimale Nutzung der vorhandenen Therapiemöglichkeiten durch Spezialisierung verständlich ist. Hier stellt sich allerdings sofort die Frage, wie in der prä-antibiotischen Ära Infektionskrankheiten behandelt wurden, denn wir waren damals keine harmlosen Stümper.

Zunächst ist festzustellen, dass die Antibiotika lediglich eine Ergänzung und Erweiterung der Therapieverfahren waren, die bei vitaler Indikation ihre segensreiche Wirkung entfalteten. Das Wissen um andere Therapiemöglichkeiten durch eine unspezifische nichtmedikamentöse Therapie, wie damals üblich, ist in der heutigen Ärztegeneration verloren gegangen und über physikalische Therapie der Infektionskrankheit zu publizieren ist kaum möglich.

Die "Therapia magna sterilisans" beherrscht das therapeutische Denken wie zu Ehrlichs Zeiten. Über die biologische Bedeutung der Auseinandersetzung zwischen Wirt und Erreger wird kaum nachgedacht, obwohl alle jetzt beklagten mittelbaren und unmittelbaren Folgen der Antibiotikabehandlung bald nach ihrer Einführung bekannt waren. Im Sinne der Autoren kann die Infektionsmedizin jetzt ein weites Feld bearbeiten.

Dr. med. Claus Ruda, 12167 Berlin