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Interview mit Dr. Claus Ruda mit dem Monatsblatt der Deutsch-Japanischen Gesellschaft

Kawaraban-Monatsblatt der DJG_09-2013

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Heute möchten wir Ihnen Herrn Dr. Claus Ruda (85 J.) vorstellen. Er ist seit 51 Jahren Mitglied der Deutsch-Japanischen Gesellschaft Berlin. Dr. Ruda ist in Berlin geboren und hat vorwiegend hier gewohnt. Nach dem Studium der Medizin und Psychologie arbeitete er in verschiedenen Krankenhäusern und entschied sich dann, als Facharzt für Innere Krankheiten in eigener Praxis tätig zu werden. Heute ist er nur noch wissenschaftlich aktiv, hat eine eigene Internetseite (http://www.claus-ruda.de) und publiziert weiterhin Artikel über Neurosenpsychologie und Naturheilkunde, zuletzt über den Missbrauch der Antibiotika. Außerdem ist der vielseitig interessierte Witwer ein leidenschaftlicher Gärtner mit einem schönen eigenen Garten, in dem auch Bambus, Kirsche und Ahorn aus Japan zu finden sind. Doch nicht nur durch Gartenarbeit hält er sich fit. Er macht auch jetzt noch jeden Sonntag zwei Kilometer Dauerlauf und hat nie einen Fernsehapparat besessen. (CR: Claus Ruda, VM: Verena Materna)

VM: Wie kamen Sie zu Japan und was genau weckte Ihr Interesse?

CR: Ich habe Japan durch den Unterrichtsstoff in der Schule kennengelernt. Während des zweiten Weltkrieges war Japan ein Verbündeter Deutschlands und man entschloss sich, die "Preußen des Ostens" den Schülern näherzubringen. Kurios war, wie man uns damals die japanische Auffassung für deutsche Musik erklärte. So erzählte uns der Lehrer, dass die Japaner kein Verständnis für europäische Musik hätten und dass sie das Stimmen des Orchesters als die eigentliche wahre Musik wahrnehmen würden. Mir gefiel aber damals schon die japanische Ästhetik, wie sie in der japanischen Malerei und der Kalligraphie zu finden ist.

VM: Wie fanden Sie zur DJG Berlin und was genau bewog Sie damals einzutreten?

CR: Durch meine Sekretärin, die lange Mitglied der DJG war. Sie hat mir den Verein empfohlen. Besonders die Anregung durch eine so ganz andere Kultur und Weltanschauung hat mich gereizt und war mir wichtig.

VM: Wie waren die früheren Jahre in der DJG für Sie und was hat Ihnen besonders viel Spaß gemacht?

CR: Es gab auch früher schon Vorträge und Empfänge in der Botschaft. Heute ist das Vereinsleben viel lebendiger. Ich nehme oft an den Veranstaltungen in der Botschaft teil, die man dankenswerterweise wieder aufgebaut hat. Auch das JDZB und die Sommerfeste besuche ich. Kürzlich nahm ich an einem Ausflug des deutsch-japanischen Chors in die Märkische Schweiz teil, von dem ich mit vielen Anregungen zurückkam. Thematisch hat mich immer besonders das japanische Familienleben interessiert. Ich erinnere mich da an einen Vortrag, in dem ein Berliner Senator von seiner Japanreise in den 1960er Jahren berichtete und dabei erwähnte, dass es in Japan praktisch keine Sozialversicherung gäbe. Das fand ich sehr bemerkenswert. In Japan ist die Familie stärker für ihre Mitglieder verantwortlich und wenn einer in Not gerät, wird er von der Familie wieder aufgenommen. So war das zumindest früher. Heute ist es wahrscheinlich anders.

VM: Waren Sie denn schon einmal in Japan und wenn ja, was haben Sie denn dort alles gesehen? Was hat Ihnen besonders gut gefallen?

CR: Ich war einmal mit der DJG in Japan — das muss in den 1980er Jahren gewesen sein. Es war eine zweiwöchige Rundreise im Sommer. Wir waren u. a. in Tokyo und Osaka. Kyoto fand ich sehr schön. In der Zeit zur freien Verfügung unternahm ich Ausflüge in die Umgebung von Tokyo, z. B. zum Berg Fuji und nach Kamakura, wo ich einen meditierenden Kollegen besuchte. In Tokyo sah ich mir das Kabuki-Theater an. Dort war ich auch beim Friseur, wo ich mich sehr blamierte, als ich ein Trinkgeld geben wollte. Das ist — oder war — einfach nicht üblich.

VM: Mögen Sie japanisches Essen und wenn ja, welches ist Ihr Lieblingsrestaurant?

CR: Ich war früher einmal im "Daitokai" hier in Berlin. Aber die japanische Küche bekommt mir nicht. In der Restaurantabteilung eines Kaufhauses in Tokyo aß ich einmal ein Gericht, mit viel Reis. Dazu hatte ich mir dann Zucker bestellt und auf den Reis gestreut, worüber die japanische Serviererin sehr verwundert war.

VM: Haben Sie auch Freunde in Japan?

CR: Das hat sich leider nicht ergeben. Ich kann auch kein Japanisch.

VM: Gibt es etwas, was Sie an Japan besonders mögen — oder ggf. auch nicht so sehr?

CR: Ich mag die japanische Gartenkunst, die Holzschnitte von Hokusai und die Architektur von Kenzo Tange. Wenn ich etwas in Japan ändern könnte, würde ich den Walfang abschaffen.

VM: Was können wir denn gegenseitig voneinander lernen?

CR: Die Deutschen könnten von den Japanern Geduld und Fleiß lernen glaube ich. Das ist eigentlich das Wichtigste. Die Japaner müssen z. B. drei Buchstabensysteme mit jeweils eigener Rechtschreibung lernen, wogegen man bei uns die leichte Rechtschreibung noch vereinfachen will! Mein Eindruck ist, dass das Leben in Japan von mehr Mitmenschlichkeit geprägt ist, als bei uns. Heute versuchen viele Menschen in beiden Ländern, möglichst produktiv zu sein. Dabei kommt das Familienleben oftmals zu kurz. Vielleicht ließe sich das in Deutschland ändern, wenn man wieder schätzen lernt, wie wichtig die Familie ist.

VM: Haben Sie denn auch japanische traditionelle Künste kennengelernt oder vielleicht sogar selbst ausprobiert?

CR: Die Blumensteckkunst Ikebana, das Papierfalten Origami und die Theaterkunst Kabuki sah ich in ihrer Ausführung. Ich mag auch Musik auf den traditionellen Taiko-Trommeln, auch hat mir der japanische Film viel zu sagen.

VM: Was möchten Sie unseren Mitgliedern mit auf dem Weg geben?

CR: Ich glaube, wir können heute von den Japanern mehr lernen, als sie von uns. Nehmen wir die Gelegenheit wahr.

VM: Vielen Dank für das interessante Gespräch und die wunderschönen Blumen aus Ihrem Garten! (Herr Dr. Ruda überreichte mir zum Abschied einen sommerlich freundlichen Blumenstrauß, der unglaublich lange unsere Wohnung verschönerte.) Bitte bleiben Sie auch weiterhin so gesund und fit wie bisher.

Kawaraban, September 2013