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Über das "Gesundheitssystem" und andere Worthülsen

Von der Krankenbehandlung zur Gesundheitsversorgung – mit dem Sprachverfall ist oft ein schleichender Bedeutungswandel verbunden.

Deutsches Ärzteblatt, Heft 42 vom 19.10.2001

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Die Organisation der Heilkunde wurde seit Ende des 19. Jahrhunderts zu einer öffentlichen, von Politikern bestimmten Angelegenheit. Politiker aber sind keine Wissenschaft1er. Ihr Reden richtet sich nach denjenigen, die sie wählen sollen und die sie mit griffigen Wortvereinfachungen (Schlagworten) ansprechen können. Die Folge ist ein Sprachverfall, der oft mit einem schleichenden Bedeutungswandel von Worten verbunden ist.

Beispielhaft dafür ist die Bedeutungsentwicklung des Wortes "Gesundheitswesen". Ursprünglich substantivierter Infinitiv vom Verbum "wesen", bedeutet "Wesen" das Hauptmerkmal einer Sache, das mit ihrem Begriff untrennbar verbunden ist und von dem alle übrigen Merkmale abhängen. In Verbindung mit Worten aus anderen Lebensbereichen bot es sich an, um deren Bedeutsamkeit herauszustellen. Erst im 19. Jahrhundert ging man dazu über, staatliche Tätigkeitsbereiche mit diesem Begriff zu koppeln, so etwa Militärwesen, Sanitätswesen, Verwaltungswesen und andere. Man hatte so die Möglichkeit, den jeweiligen Verwaltungsbereich zusammenfassend zu benennen, womit auch die zunehmende Bedeutsamkeit staatlicher Institutionen unterstrichen wurde. Das Wort "Gesundheitswesen" hat sich erst im 20. Jahrhundert durchgesetzt. Entsprechend der überkommenen Redeweise wurde es in die Umgangssprache eingeführt und als "öffentliches Gesundheitswesen" bezeichnet. Noch im Bertelsmann-Universallexikon von 1996 verstand man darunter die sozialhygienischen und verwaltungsmäßigen Aufgaben, die von den staatlichen Behörden, insbesondere von den Gesundheitsämtern mit ihren Amtsärzten, auszuführen waren. Ihr Aufgabenbereich war die Gesunderhaltung der Bevölkerung durch seuchenhygienische Maßnahmen sowie Überwachung — auch als "öffentlicher Gesundheitsdienst" bezeichnet.

Aber bereits seit Beginn der 60erJahre machte das Wort in der Medizinersprache einen bemerkenswerten Bedeutungswandel durch. Unter Gesundheitswesen verstand man jetzt sowohl die ambulante und stationäre Krankenbehandlung als auch den öffentlichen Gesundheitsdienst. Diese Begriffserweiterung war fragwürdig und folgenschwer. Die Krankenbehandlung als Heilwesen wurde mit dem der Vorsorge dienenden öffentlichen Gesundheitsdienst, einem Vorsorgewesen, zum Gesundheitswesen zusammengefasst. Krankheit und Gesundheit aber sind konträre Begriffe. Vorsorgen ist etwas anderes als Heilen. Das Heilwesen einem "Gesundheitswesen" unterzuordnen suggeriert, dass Gesundheit nur durch Heilung von Krankheit erreichbar ist. Der gesamte private Teil der Gesunderhaltung bleibt sprachlich ausgeschlossen, denn der öffentliche Gesundheitsdienst ist nur ein kleiner Teil der Bemühungen um Gesunderhaltung.

Nachdem die gesamte Krankenbehandlung, das Heilwesen, begrifflich im Gesundheitswesen aufgegangen war, stand einer weiteren Begriffserweiterung nichts im Wege, im Gegenteil, sie war programmiert, denn das Heilwesen war seit 1883 in Deutschland und seit 1948 durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu einem Gegenstand der Politik geworden. Alles, was seitdem in irgendeiner Form mit Krankenbehandlung zu tun hatte, gehört nun zum Gesundheitswesen. Die exzessive Ausweitung des Gesundheitsbegriffs führte dazu, dass Befindlichkeitsstörungen bereits als Krankheit angesehen werden. Darüber hinaus wurde auch das gesellschaftliche Umfeld einschließlich der gesamten sozialen Sicherung einbezogen, womit Gesundheit schlechthin zur staatlichen Aufgabe erklärt wurde, also fast mit einem Rechtsanspruch des Bürgers auf Gesundheit verknüpft ist.

Politiker lassen in ihrer Wortwahl oft die notwendige begriffliche Klarheit vermissen. Nur so ist es zu verstehen, dass Anfang der 80er-Jahre das Wort "Gesundheitssystem" in ihrem Sprachgebrauch erschien. Das Wort "System" übt auf manche Menschen, insbesondere Intellektuelle, eine eigenartige Anziehungskraft aus. In seiner Bedeutung liegt die positive Vorstellung eines umfassenden, geordnet gegliederten Ganzen. Eine genaue Definition gibt es nicht. Ob damit der Begriff "Gesundheitswesen" erweitert werden sollte, ist zweifelhaft, denn beide Worte werden weiter gleichbedeutend gebraucht. Offenbar handelt es sich hier lediglich um den Versuch, die politischen Aktivitäten zur Gesunderhaltung der Bevölkerung mit einem etwas hochtrabenderen, positiv besetzten Wort zu beschreiben; es ist somit überflüssig. Das Gleiche gilt für den Begriff "Sozialsystem", unter dem die derzeitige Gesundheitsministerin die Kranken- und Pflegeversicherung verallgemeinernd zusammenfasst.
1883 begann mit Schaffung der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) die "Gesundheitspolitik". Allerdings war die GKV schon bei ihrer Gründung keine reine Versicherung, sondern eine Mischung aus Versicherung (Krankengeld, Kosten der Krankheitsbehandlung), Sozialhilfe (Erstattung der Begräbniskosten) und Sozialausgleich (Versicherungsbeitrag auch durch den Arbeitgeber). Der gesetzliche Versicherungszwang betraf acht Prozent der Bevölkerung, der man unterstellte, dass sie zu unselbstständig sei, um für den Krankheitsfall selbst vorzusorgen. Deshalb war das Wort "Zwangskasse" für Ortskrankenkasse allgemein üblich. Im Laufe der Jahre verschwand es bekanntlich, gelegentlich wird noch von "Pflichtversicherung" gesprochen. Für die GKV trafen also schon bei ihrer Gründung wesentliche Kriterien einer Versicherung nicht zu. Das Wort "Versicherung" war damals schon irreführend.

"Krankheit" vermeiden

Lediglich die heutigen Privatkrankenkassen arbeiten nach dem Versicherungsprinzip: klare Definition des Versicherungsfalles und dessen Leistungsumfang. Der Versicherungsbeitrag richtet sich versicherungsmathematisch nach der Anzahl der Versicherten und dem Versicherungsrisiko. Keine Versicherung, wenn der Versicherungsfall bei allen Versicherten eintritt, da diese ihn ja dann selbst bezahlen und sich die Erhebungs- und Verwaltungskosten ersparen könnten.

Die weitere Entwicklung ist bekannt. In etwa 90 Jahren verstanden es die Politiker, den Versicherungszwang auf 92 Prozent der Bevölkerung auszudehnen — paradox angesichts der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung. Ihre Motive sollen hier nicht untersucht werden, sondern der sie ermöglichende und begleitende Sprachverfall, der mit der Formel "von der Krankenversicherung zum Gesundheitsservice" charakterisiert werden kann.

Eine Leitlinie dieser Sprachentwicklung ist das Bestreben, das Wort "Krankheit" zu vermeiden und so weit wie möglich durch "Gesundheit" zu ersetzen. Damit wird ein negativ besetztes Wort gegen ein positiv empfundenes ausgetauscht. Hierzu gehört unter anderem das Wort "Gesundheitsvorsorge", das anstelle von Krankheitsvorsorge oder Krankheitsvorbeugung erschien. Vorsorge treffen kann man nur für negative Ereignisse (Alter, Krankheit, Tod und Ähnliches). Eine Gesundheitsvorsorge ist sprachlich ein Unsinn. Die Vorsorgeuntersuchungen und die Vorsorgekuren dagegen sind zwar sprachlich korrekt, erweitern aber wiederum den Leistungsumfang der GKV, der durch die WHO und ihre Vorstellung von Gesundheit und Krankheit ohnehin so aufgebläht ist, dass der Versicherte auch aus Langeweile den Arzt aufsuchen kann. Damit der Vorsorge der Versicherungsfall praktisch für jeden Versicherten eintritt, verliert die GKV vollends den Charakter einer Versicherung. Insofern ist es kein semantischer Betrug, wenn die Krankenkassen der GKV sich neuerdings "Gesundheitskassen" nennen. Folgerichtig wäre es, auch die Gesetzliche Krankenversicherung entsprechend umzubenennen.

Der derzeitigen Staatsidee entsprechend, hat auch das Wort "Versorgung" in der Politikersprache eine Bedeutungserweiterung erfahren. Versorgen hieß ursprünglich, lediglich das Lebensnotwendige (durch den Staat) zu sichern. Jetzt dagegen wird die Bevölkerung mit Ärzten, Zahnärzten, Krankenhäusern, Psychiatern, Arzneimitteln und Heil- und Hilfsmitteln "versorgt", In diesem Sinne ist die Krankenbehandlung eine "Gesundheitsversorgung" oder auch "gesundheitliche Versorgung". Da die Politikersprache vorwiegend von Ökonomen, Soziologen, Politologen oder Autodidakten geprägt wird, gehen diese im Zuge der allgemeinen Vergeldlichung der menschlichen Beziehungen von der Vorstellung aus, Gesundheit sei eine Ware, die käuflich und transferierbar ist und die man als "Gesundheitsgut" erhalten kann. Der Arzt ist keiner mehr, der Kranke behandelt, sondern Erbringer einer "Gesundheitsleistung", die er auf dem "Gesundheitsmarkt" anbietet.

Bedürfnis, gesund zu sein

Wie weit die GKV ihrer eigentlichen Aufgabe entfremdet wurde, geht aus einer Veröffentlichung des damaligen Arbeitsministers Blüm hervor, der erklärte: "Mit wachsendem Wohlstand steigen die Gesundheitsbedürfnisse, aber nicht alles, was dem Wohlbefinden dient, kann aus den Mitteln der solidarischen Pflichtversicherung finanziert werden. Je mehr in der sozialen Krankenversicherung die Grenzen zwischen dem medizinisch Not wendigen und dem allgemeinen Gesundheitskonsum verschwimmen, desto mehr degeneriert die Solidarität." (in "Die Welt" vom 22. November 1987)

Warum das Bedürfnis, gesund zu sein, mit wachsendem Wohlstand steigen soll, ist nicht erfindlich. Allerdings geht es bei diesem Bedürfnis um das "Wohlbefinden", für welches die Krankenkasse zwar manches, aber nicht alles bezahlen kann, da es zwischen dem medizinisch Notwendigen und der allgemein konsumierbaren Ware "Gesundheit" Grenzen gibt, die aber verschwimmen können. Besser kann nicht gezeigt werden, wie das staatlich verbriefte Recht auf Gesundheit zu einem Konsumanspruch auf soziale Dienstleistungen verkommen ist.
Die Erwähnung der Solidarität ist erstaunlich. Das Wort entstand in den sozialen Bewegungen des 19. Jahrhunderts und bedeutete soviel wie Zusammengehörigkeitsgefühl in einer Klassengenossenschaft. Gefühle können heute mit einer GKV nicht mehr verbunden werden, denn eine solidarische Zwangsversicherung ist eine Contradictio in adjectu. Daher an Gefühle für eine Zwangsgemeinschaft zu appellieren, die der Versicherte mit erheblichen, ständig steigenden Beiträgen finanzieren muss, ist illusorisch und weltfremd. Die GKV wird ohnehin im Allgemeinen als Zusatzbesteuerung oder staatliche Zwangssparkasse angesehen, von der man nach Möglichkeit die Zinsen des angesparten Kapitals abzuheben trachtet, wozu der Leistungsumfang der GKV reichlich Möglichkeiten bietet.

Verständlicherweise hat sich auch das Berufsbild des Arztes gewandelt. Als Erbringer einer Gesundheitsleistung wird er weniger wegen Krankheiten aufgesucht, als vielmehr wegen Befindlichkeitsstörungen, zur Gesunderhaltung mittels Leistungen der GKV oder zur Erlangung der zahlreichen Ansprüche, die ein Krankheitsfall auslöst. Da unter diesen Bedingungen die Arztdichte beliebig erhöht werden kann, müssen Zulassungssperren verhängt werden. Vom ursprünglichen (überholten) Berufsbild des Arztes aus gesehen, bedeutet das: je mehr Ärzte, desto mehr Kranke. Was einmal damit begann, acht Prozent der Bevölkerung zu ermöglichen, ihre Arztrechnung zu bezahlen, hat sich zu einem Großkonzern entwickelt, der sich ständig erhöhende astronomische Summen verschlingt, die er von 92 Prozent der Bevölkerung eintreiben muss.

Das finanzielle Debakel ist nur eine Seite des "Gesundheitssystems". Auch die von den Ärzten als "Gesundheitsvorsorge" zu erbringende "Präventivmedizin" (ein fragwürdiges Wort, das eigentlich Vorsorgeheilkunde bedeutet) ist angesichts der anschwellenden Flut von selbstverschuldeten Krankheiten erfolglos.

Es kann hier nicht das Motivationsgeflecht, das diese Entwicklung ermöglichte, untersucht werden. Hier soll nur als ein wichtiger Faktor der damit verbundene und mitverursachende Sprachverfall beschrieben werden. Schon vor 2500 Jahren sagte ein weiser Chinese: "Wenn eine Sprache nicht richtig gebraucht wird, dann ist das, was gesagt wird, nicht das, was gemeint ist. Dann wird auch das, was getan werden muss, ungetan bleiben. Dann aber verfallen Sitten und Kunst, die Gerechtigkeit wird schief, und die Menschen werden in einem ratlosen Durcheinander dastehen." (Konfuzius).

Zitierweise dieses Beitrags:
Deutsches Ärzteblatt 2001; 98: A 2702-2705 [Heft 42]
Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Claus Ruda
Bamberger Straße 8, 10777 Berlin